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Barbara Sichtermann:
Frühlingserwachen
  (255 Seiten)

„Man muss versuchen, die ganze Inszenierung der Pubertät mit all ihren Bizarrerien und Exzessen von der erwachenden Sexualität her zu verstehen, nur dann kommt man dahinter, wie alles zusammenhängt“, meint Barbara Sichtermann. Das ganze Chaos der Pubertät könne – restlos – aus des „Frühlings Erwachen“, der keimenden Sexualität erklärt werden, behauptet die Sozialwissenschaftlerin, Mutter dreier Kinder, Medienkritikerin und Autorin. Sie meint es ernst und verwechselt dabei so augenfällig oft Ursache und Wirkung, dass es fast weh tut. Hat man die Prämisse aber erst einmal geschluckt, ergeben sich doch eine ganze Reihe erhellender Einsichten.

Vorwort – „Unsere konsumeristische Kultur, die auf ihre eigenen Werbeversprechen hereinfällt, tut gern so, als gäbe es ein Menschenrecht auf Schmerz- und Konfliktfreiheit. Dass dem nicht so ist, vor allem nicht im Kontext von Sexualität, dass ferner Am-Leben-Sein unweigerlich auch Leiden heisst, muss aufgeklärten Eltern und Kindern heute eigens mitgeteilt werden. Es gibt Herausforderungen in der Entwicklung eines Menschen, die ohne Risse, Brüche und Bitternis nicht zu bestehen sind. Die Pubertät gehört dazu.“

Von der Kindheit her – „Ohne Überlegungen zur Kindheit und zur Bedeutung ihres Verlusts für die Heranwachsenden wird Pubertät immer nur halb begriffen.“ Kinder fühlen sich schon als Individuen mit Eigensinn, „wenn ihnen plötzlich die Sexualität wie ein Ursupator in Leib und Seele fährt“ und körperliche Integrität, Weltsicht und alte Loyalitäten umstülpt: Sexualität als „Zerstörungswerk, das die Harmonie des kindlichen Ichgefühls und Weltverständnisses bedroht und zersetzt“. Das Leben wird befremdlich ernst.

Scham, Sinn und Sinnlichkeit – Die Erfahrung des Sich-selbst-fremd-Werdens löst Schamgefühle aus, die Intimsphäre wird plötzlich sichtbar, die Jugendlichen wissen: Sie werden beurteilt. Und die Angst kommt auf, den harten Kriterien der anderen nicht zu genügen – „zumal das eigene Urteil über den wachsenden, empfindsamen, noch unproportionierten Körper, in dem das Ich sich fremd fühlt, häufig vernichtend ausfällt.“ Rückzug, Übertreiben, die Flucht nach vorne in sexy gestyltes Auftreten, Angeberei, intellektuelle Weltflucht – all das sind Möglichkeiten, der Scham zu begegnen.

Die Kinder suchen Sicherheitszonen. Zu Beginn der Pubertät gibt es für die Kinder als Sicherheitszone nur jenen Bereich, dem sie ja jetzt, Jahr für Jahr ein Stückchen weiter, entrissen werden: die Eltern, die Geschwister, die Familie, der Kinderfreundeskreis. Unter dieser paradoxen emotionalen Situation: gefühlsmässig noch da verankert zu sein und Sicherheit zu suchen, von wo man sich zugleich hinweggezogen fühlt, leiden alle Kinder.“ Sicherheit verheisst auch der Traumprinz. Viele Mädchen wählen diesen Weg des Schwärmens. Und während Mädchen so „der Gegenwart vorgreifen und die Zukunft in einer idealen Form vorwegnehmen, um dem Jetzt-und-Hier ihrer Sexualität auszuweichen, stemmen sich die Jungen gleichsam gegen die Zeit, blenden die Zukunft, was den erotischen Kontext betrifft, eher aus und halten die soziale Situation der Latenz (der vorsexuellen Kinderjahre): Spiel, Bewährung in der Brüderhorde, aufrecht“, durch Bandenbildung und das Sich-Messen mit Vaterfiguren und Gleichaltrigen.

Der Körperkult – Wie alle grossen Veränderungen erzeugt die Pubertät Angst. Und auf Angst reagieren Menschen mit Ritualen. Es wäre „ein Fehler anzunehmen, es gäbe keine Initiationsrituale für Jugendliche mehr.“ Jugendliche organisieren ihre eigene Subkultur, mit eigenen Regeln, sozialen Rangstufen und ästhetischen Wertmassstäben. „Im Mittelpunkt steht dabei der Körperkult“. Eine uralte Methode, „sich des Körpers, der entgleiten will, zu vergewissern, ist seine Verletzung“ - durch Piercing oder Tattoo beispielsweise. „Gerade das ‚Bleibende’ der Tätowierung, vor dem die Erwachsenen warnen, macht sie so verführerisch als kultische Handlung, um den dem kindlichen Ich entwachsenden Körper festzuhalten. Auch Piercing zwingt den eigenwilligen Körper zum Gehorsam“. In den Bereich der „Vergewisserung leiblicher Selbstbeherrschung“ gehören neben der (selbst-)Verletzung aber auch Nahrungsverweigerung (Magersucht), Vergiftung (mittels Alkohol und anderer Drogen) – und die „Inszenierung des Körpers als Wunderwaffe auf dem Felde der erotischen Konkurrenz“.

Die geistigen Abenteuer – „Jede Jugend fängt noch einmal bei Null an, was die Frage von Erlaubtem und Verbotenem, vom richtigen Leben und von falschen Zuständen betrifft, weil es ihr verwehrt ist, an die pragmatischen Lösungen der Elterngeneration anzuknüpfen. Sie muss alles selbst herausfinden – weil sie ja auch alles in sich selbst fühlt: Die Möglichkeit, das Gesetz oder die Konventionen zu erfüllen oder zu brechen, zu erweitern oder zu verkürzen, sie abzuschaffen oder zu bestätigen.“ Pubertät ist eine Zeit, in der alles überprüft wird, was man als Kind gelernt hat. „Der Bruch zwischen den Generationen bei Eintritt der Kinder in die Geschlechtsreife ist konstitutionell-natürlich, unvermeidbar, nötig und richtig.“

„Das Gefühl, nackt und wehrlos in der Landschaft zu stehen, jagt den Kids eine elementare Furcht ein. Ihr reflexartiges Bemühen, bei den Eltern Hilfe zu holen, muss scheitern, da der Schrecken ja gerade aus der Loslösung von den Eltern herrührt. So werfen sie den Eltern vor, ihnen eine Hilfe zu verweigern, die sie ja nur deshalb brauchen, weil sie sie von den Eltern nicht mehr erwarten können und nicht mehr haben wollen. In dieser verzwickten Lage ziehen sie sich erst mal in sich selbst zurück.“

Die geistigen Abenteuer der Jugend bestehen darin, „altes Wissen in seine Bestandteile aufzulösen, es neu zu interpretieren und zusammenzusetzen und es mit neuem Wissen so anzureichern, dass ein einigermassen konsistentes Weltbild dabei herauskommt.“ Da der innere Raum völlig neu vermessen wird und keine Ecke unausgeleuchtet bleiben soll, neigen Jugendliche zu Extremen. Ihr Geist „ist weit aufgespannt und möchte alles berühren. Er hat aber noch keine rechte Bodenhaftung gewonnen und hebt daher leicht ab. Er weiss das selber und schämt sich seiner Eskapaden. Deshalb sind verschliessbare Tagebücher bei Jugendlichen immer noch so beliebt.“

„Im Grunde wollen Jugendliche, während sie darüber nachdenken, etwas schaffen oder herstellen, etwas aufrichten oder demonstrieren, etwas planen oder durchführen.“ Es gibt keine Trennung von Theorie und Praxis für sie. Wenn sie etwas tun, denken sie skeptisch darüber nach. Und was sie denken, müssen sie tun. Von der postindustriellen Wohlstandsgesellschaft auf eine Art Spielwiese abgeschoben, „auf der sie jede Menge Geld für Schnickschnack ausgeben, aber keine wirklichen Aufgaben erfüllen dürfen, greifen Jugendliche in ihrer Sehnsucht nach ‚Ernst’ und ‚wirklichem Leben’ zu Surrogaten wie Waffen oder Drogen oder verordnen sich selbst Wahnzustände in Diskos oder auf Konzerten.“ (Vergleiche dazu auch Guggenbühl "Permanente Infantilisierung")

Die Inszenierung der Weiblichkeit – Das Geschenk der sexuellen Attraktivität ist für Pubertierende anfangs unerklärlich, unheimlich und manchmal sogar peinlich, immer zweischneidig. Sie fliehen davor – und spielen damit. Die geschlechtliche Reifung während der Pubertät ist ein erotisches Theater, bei dem die halbe Welt zuguckt. „Mädchen leiden unter dem Widerstreit von Intimität und Öffentlichkeit (= offener, deutlicher Sichtbarkeit) ihrer Pubertät (…) stärker als Jungen, weil bei ihnen alles früher beginnt, sie also schlicht weniger Zeit haben, aus der Kindheitslarve herauszuwachsen. Und weil, kulturell bedingt, ihre Weiblichkeit viel stärker auf die Fortpflanzung und damit die Intimität der Partnerwahl ausgerichtet ist als die sich entpuppende Männlichkeit der Knaben“, die immer auch dem eigenen Geschlecht gilt, dem (Wett-)Kampf gegen andere Jungen um gute Ausgangbedingungen (um Ressourcen aller Art). „Von Mädchen wird viel mehr Passivität verlangt, und was sie zu ‚bieten’ haben während der Pubertät, ist so naturverhaftet, dass wenig Spielraum bleibt für eigene Zutaten. In einer so sehr auf Aktivität und Leistung gestimmten Kultur wie der unseren ist das ein prekärer Zustand.“

Die Inszenierung der Männlichkeit – „In der Pubertät zeigt der Körper, wo es langgeht, und er zeigt den Jungen durch das Anschwellen der Muskulatur, durch das Längenwachstum der Glieder und die weite Vernehmlichkeit ihrer kraftvollen Stimme den Weg der Selbstbehauptung. Schreibt sich bei Mädchen als am deutlichsten lesbares Zeichen das Fortpflanzungsprogramm in den Körper ein, so ist es bei Jungen der Auftrag, Rivalen aus dem Feld zu schlagen und zu obsiegen.“ Der Junge muss erst kämpfen lernen, dann lieben. „Die magische Welt der Erotik“ wird von beiden Geschlechtern bewohnt. „Den freien Eintritt während der Pubertät aber haben nur die Mädchen“. Die Jungen dürfen nicht einfach so hinein, „sie müssen zuvor in einem anderen Sinne Männer werden: als Kämpfer.“ - „Erst muss der Pubertierende den anderen Jungs und Männern seine Männlichkeit beweisen, bevor er sie den Mädchen beweisen darf.“ Denn Männer müssen „gemacht“ werden.

„Schon der Bruch innerhalb der Familienkonstellation, den der Junge zu vollziehen hat – er muss ich von der Mutter lösen und sich der Männerwelt zuwenden -, ist viel schärfer als die vergleichsweise undramatische Ablösung beim Mädchen.“ Deshalb ist die Inszenierung von Männlichkeit häufig mit einer Abwertung des Weiblichen verbunden. „Der Abwehrzauber, der entfaltet wird, damit das Kind in sein biologisches Geschlecht hineinwächst und nicht etwa Eigenarten des ‚falschen’ Geschlechts in sich aufnimmt“, ist bei männlichen Jugendlichen „ungleich ausgefeilter und obendrein stärker mit Gewalt legiert als bei den weiblichen.“ Bei allem, was sich in ihm regt, muss der Junge sich fragen, „ob seine Lust, seine Begabung, sein Ehrgeiz, seine Träume zu seinem Geschlecht passen – ein Attribut seiner selbst, das eben erst dabei ist, ihm zuzuwachsen, das er noch nicht einmal richtig kennt und schon verteidigen beziehungsweise allem anderen überordnen soll.“

Die Peergroup – „Der übelste Schrecken der Pubertät ist die Unsicherheit“. Die Jugendlichen retten sich in eine falsche und gespielte Sicherheit, die sie beim ‚Spass Haben’ und ‚Cool Sein’ hervorkehren“ – unter Gleichaltrigen und (siehe oben) meist Gleichgeschlechtlichen. Die Peergroup ist der Ort, „an dem Jugendliche ihr Herz ausschütten können und Trost und Verständnis finden“ und viel öfter auch der Kontext, in dem all das zugelassen und ausagiert wird, was „durch Verbote, Ängste und moralische Schranken daran gehindert wurde, sich in die ersehnte Erfahrung zu verwandeln.“ Eine (männliche) Peergroup, die nicht wenigstens hier und da eine Regel verletzt, ist keine. Wenn sich Peergroups bilden, „entsteht fast immer eine Art Untergrund, in dem mit dem Verbotenen geflirtet wird – und sei es auch nur der nächtliche Einbruch in Schwimmbäder oder das Rauchen auf dem Schulklo.“

„Während die Jungen sozusagen Spawringspartner brauchen, um die kämpferische Seite ihrer pubertären Entwicklung überhaupt betreiben zu können, benötigen Mädchen eher einen Spiegel oder eine Vertraute, um all die Regungen und Wandlungen, die sich in ihnen vollziehen, bereden, begutachten und verstehen können.“ Deshalb kommen Mädchen meist im Doppelpack daher.

„Gebunden an ein archaisches Entwicklungsmuster der Selbstkonstitution in kämpferischer Auseinandersetzung mit ihren Geschlechtsgenossen meiden Männer instinktiv alles, was ihre Schwächen offenbaren könnte. (…) Also lernen Jungen, wenn sie in der Peergroup um ihren Platz kämpfen, das Schweigen über ihre Befindlichkeit.“ Anders die Mädchen. „Da die Mädchen mit einer Probe aufs Exempel ihrer Reize noch nicht (so richtig) Ernst machen können, weil der potenziell gleichaltrige Partner noch nicht so weit ist (vor Sex und Erotik noch in Kampf, Sport, Spiel, sprich zu den anderen Boys flüchtet), bleibt die Rivalität der Mädchen uneigentlich und spielerisch.“ Die Mädchen „nutzen die Virularität ihres Frauseins zum zärtlichen Bündnis mit anderen Mädchen und zur Entwicklung einer Gesprächskultur unter Freundinnen.“ Sie lernen dabei nachhaltig, „zu klären und mitzuteilen, wie es um sie steht“ – die vielleicht wichtigste Fähigkeit unserer Kultur.

Die Schule – „Pubertierende Kinder sind einem regelrechten Individualisierungsschub ausgesetzt. Sie ertragen es einfach nicht mehr, kollektiviert, eingeteilt, zusammengeschweisst, dirigiert, verwaltet, hier- und dorthin geschickt, in ihren Leistungen und ihrem Ausdruck quantifiziert und benotet zu werden – sie entwickeln einen starken Affekt gegen dieses In-Schubladen-gesteckt-Werden, gegen das Vergleichen und Begutachtet-Werden, und das ist ihnen auch zuzugestehen.“ Ihre Gegnerschaft gegen die Schule richtet sich nicht gegen Englisch oder Mathe oder Deutsch, „sondern gegen den kollektiven Rahmen, die Zwangskontakte zu Mitschülern oder Lehrkräften, mit denen sie nichts anfangen können, gegen diesen ganzen Laden Schule mit seinen gleichförmigen Pflichten, seinen Gehorsamsgeboten, seinen nervtötenden Routinen.“ Und es stimmt, „dass der Schulweg (vor allem der Heimweg), die Pausen, die ganze Zeit ausserhalb der Schule, das Kino, das Fernsehen, die Peergroup, der Sportclub, dass diese frei gewählten Aktivitäten viel mehr ‚lehren’ in Sachen Fachwissen, Ethik, Fertigkeiten, Zusammenhänge und soziale Kompetenz als die Schulfachinhalte.“

Die Generationenspannung – Auch heute, wo Eltern länger jung bleiben, ist die Übermacht – im materiellen, geistigen und sozialen Sinn – immer auf Seiten der Erwachsenen. Jede Jugend muss „mit der Elterngeneration kämpfen, um sie irgendwann zu verdrängen und ihren Platz im gesellschaftlichen Gefüge einzunehmen“. Eine gewisse Reibung zwischen den Generationen stellt sich von selbst ein. Andererseits kommt man „nicht daran vorbei zu bedauern, dass die ästhetischen Räume, in denen die Jugend etwas ganz Eigenes erfinden und präsentieren könnte, immer enger werden. Was die Kids auch ersinnen, sei es das grüne Haar oder der Maschinenrhythmus des Techno, es wird ihnen von der Industrie (Stichwort: Trendscout) gestohlen und über Märkte erneut zugespielt, sodass sie geradezu gezwungen sind, zu extremen Varianten zu flüchten und sich beim Sprühen von Wandbildern auf Brandmauern in Lebensgefahr zu bringen, um überhaupt noch ‚ihr Ding’ in die Welt zu setzen.“ Dennoch: Jede Generation Jugendlicher kommt auf Ideen, „mittels derer sie ihr eigenes Reich erfinden und sich selbst als etwas Besonderes auf der gesellschaftlichen Bühne präsentieren.“ Jugendmoden „lassen jede noch so jung gebliebene Elterngeneration ratlos zurück.“

Gewalt – Die Pubertät und die Jugendzeit ist eine Phase intensiver Wahrheitssuche. Jugendliche fahnden nach dem Gewaltzusammenhang in der Gesellschaft, indem sie ihn selbst herstellen. Sie „provozieren die Gesellschaft mittels Gewalt, locken deren Gewaltpotenzial oder stillschweigende Duldung gewaltträchtiger Aktionen mittelbar hervor.“ Weil sie wissen wollen, „was im Leben der Erwachsenen zählt und was nicht.“

„Dass Gewaltausübung – auch blosses Zusehen – mit starken körperlichen Lustgefühlen einhergehen kann, ist ein gut gehütetes Tabu. Von Jugendlichen wird es gebrochen. (...) Nach dem Motto ‚Gewalt ist geil’ praktizieren sie ihre Rituale der Crash-Touren, des Extremsports, der Verletzungen durch Piercing und Branding. Irgendwie sagen ihnen diese Gewaltakte und Grenzerfahrungen die Wahrheit – über ihre Willenskraft, ihre Stärken, ihre Ängste, über ihre Gefühle der Selbstüberwindung, des Schreckens, der Grösse. Das ‚Geile’ an der Gewalt ist ihre Durchschlagskraft, ihre Fähigkeit, eine Sache zu entscheiden, sie klarzumachen. (...) Sie schafft klare Verhältnisse, vorzugsweise hierarchische. Jugendliche, die so oft im Ungefähren nach dem richtigen Weg tasten, kämpfen sich so durch die Unübersichtlichkeit der pluralen Gesellschaft zur einfachen Alternative hoch.“

Die Fähigkeit der Gewalt, „Menschen in Spannung oder Begeisterung zu versetzen, hat überhaupt nicht gelitten. Jedenfalls nicht unter Jugendlichen.“ Für (männliche) Jugendliche sind herkulische Taten, Waffen, Prügeleien nach wie vor eine starke Verlockung. Und wenn auch nicht alle Mädchen mit den Haudegen empfinden, ist es „erstaunlich, wie viel Sympathie der kämpferische Junge – wobei auch nicht-gewalttätige Formen des Kampfes im Sport und in der schulischen Konkurrenz hier mitgemeint sind – auf sich zieht.“

„Mehrheitlich zieht Jungen und Mädchen in den westlichen Gesellschaften an der Gewalt [jedoch] ihre mystische und ästhetische Seite an. (...) Man sollte diese sublimierten Formen der Gewaltverherrlichung niemals bekämpfen – denn sie sind der einzige Ausweg aus der Falle der Gewaltlust mittels realer, blutiger Verletzung. Dass Gewalt überhaupt aufhört, als Verführung zur grenzüberschreitenden Realerfahrung ihre bedrohliche Rolle zu spielen, ist nicht zu erwarten. Ihrer Kraft, Tatsachen zu schaffen, wird heute, wo Kriege erneut führbar erscheinen, viel zugetraut. Da hilft langfristig nur die Hoffnung auf die erstaunlichste und verbreitetste Fähigkeit der menschlichen Kultur: die symbolische Kommunikation. Also, lasst die Kids ihre brutalen Computerspiele spielen.“

Rausch – „In der Pubertät erwacht in den Jugendlichen das unabweisbare Bedürfnis, an den geheimnisvollen Ausflügen der Grossen jenseits der Schutzmauern des Verstandes teilzuhaben, die Schranken fallen zu fühlen und auf ungeahnte Weise frei zu sein.“ Die Idee, „dass Kontrollverlust ein Gewinn sein kann und sie bekannt machen könnte mit Zonen ihres Ichs, von deren Existenz sie etwas ahnen, aber nichts Sicheres wissen, setzt sich in ihnen fest. Es ist ja die Zeit, in der sie ohnehin nach sich selber suchen müssen. Die Seelenlandschaften, die hinter den Schutzmauern des Verstandes liegen, sind ein wichtiges Ziel.“ Was sie lernen müssen, „ist der kontrollierte Umgang mit Drogen, die Freude am gelegentlichen Rausch und den Entzückungszuständen, die der wein, ein Pfeifchen oder was auch immer schenken können.“

Drogen leisten vielerlei: „Sie sollen die Kontrolle ausser Kraft setzen, sollen das selige Vergessen schenken, das goldene Licht auf die Dinge, das Wunder der Illusion: Alles wird gut.“ Sie berauschen das Ich-Gefühl, geben dem Berauschten die Sicherheit, dass er stark ist und sein Leben bestehen wird. Der Berauschte „ist entspannt, erlöst, er kann sich selbst gut leiden.“ Und der Rausch bringt Sinn mit. „Das ist seine grosse Stärke. Vielleicht unterdrückt er auch nur ein Bewusstsein des Sinnmangels. Das ist genauso gut.“ Antworten auf Sinnfragen sind es denn auch, die Jugendliche am ehesten vor dem Absturz bewahren. Als Vater oder Mutter kann man dazu beitragen, dass die Kinder auf der Suche danach nicht verzweifeln. „Vor allem durch dies eine: Aufrichtigkeit.“

Noch einen Auslöser gibt es: „Die ungewohnte Spannungsgeladenheit des Daseins, die den Jugendlichen etwas abverlangt: Geschlechtsidentität, Leistung, Einordnung, Überzeugungskräfte auf allen Ebenen“. Das veränderte Körpergefühl, die verfeinerten Sinne und der auf grössere Reichweiten sich einstellende Geist – all das „macht die Sehnsucht nach einer drogeninduzierten Entspannung fast folgerichtig.“ Auch Fernsehen, Computerspiele, Musik und Abtanzen in der Disco sind Reaktionen auf die Überspannung im Lebensgefühl Pubertierender. „Jugendliche wollen sich vor allem beweisen. Wenn sie nichts anderes finden, beweisen sie eben ihre Trinkfestigkeit oder ihre Eignung für den Trip.“

Die Eltern – „Wenn die Pubertät ihres Kindes sich ankündigt, haben sie ihre Elternrolle ausgespielt. (...) Sie sind nicht mehr die Instanz, die entscheidet, erklärt, Wege ebnet, Perspektiven öffnet und tendenziell auf jede Frage eine Antwort hat. (...) Die Kinder holen sich jetzt die Inputs für ihr Geistes- und Seelenleben woanders (...) Zum Kinder-Haben gehört das Kinder-Hergeben“: „Beginnt die Pubertät, müssen die Eltern sich zurückziehen und ihr Kind der Welt überlassen.“ – „Kontrolle ist nur selten gut, Vertrauen das einzige, was stützt und zusammenhält.“ Das Zauberwort heisst „benign neglect“, „gütige Vernachlässigung“: „dass die Kinder ihre eigenen Tentakel unbelauscht in die Welt ausstrecken können und doch wissen, es ist jemand für sie da, wenn was weh tut und sie Fragen haben.“

Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
 

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