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Julian Sleigh: Freiheit erproben   (136 Seiten)

Julian Sleigh ist Vater von fünf Kindern, die er alle durch die - für sie zum Teil sehr schwierigen - Jahre der Pubertät und Adoleszenz begleitet hat. Das Buch ist vor einem anthroposophischen und deutlich christlich-religiösen Hintergrund geschrieben. Für mich am eindrücklichsten sind die Kapitel über die einzelnen Lebensjahre, in denen es Sleigh gelingt, ein feinfühliges Innenbild der Pubertät und Jugend zu zeichnen. Sie bilden deshalb auch den Schwerpunkt dieser Zusammenfassung. Hervorgehoben sind jeweils die Überschriften der Hauptkapitel.

Segel setzen für die Fahrt aus der geschützten Bucht der Kindheit hinaus ins Leben.

Mühlbach oder Strudel? Die Jugendlichen halten uns Erwachsenen einen Spiegel vor. Wie waren wir als Teenager? Was steigt an unbewältigten Gefühlen aus jener Zeit in uns auf? Teilweise übernimmt der Jugendliche den Lebenswandel der Eltern, wird ein Abbild unserer Gewohnheiten und Schwächen. "Als Heranwachsender fühlt er sich unsicher, weil ihn die ganze neue Welt überwältigt, die sich ihm öffnet. Deshalb sucht er Sicherheit in Menschen und in Gedanken, auf die er sich verlassen kann. Und das bedeutet, sie zu prüfen." Das neue Wesen ist noch zart und empfindlich und umgibt sich mit einem Schutzschild aus Dreistigkeit und Aggression. Der Jugendliche sucht nach Souveränität und der Fähigkeit zu Selbstkontrolle und Selbsterkenntnis in denen, die seine Vorbilder sein wollen: ein ehrliches Eingeständnis von Unsicherheit und Zweifeln - gepaart mit genügend Kraft, um ihm "Schutz geben zu können, ohne ihn seiner Freiheit zu berauben".

Den Kurs halten. Liebe ist jetzt gefragt, auch wenn der Jugendliche die vorgelebten Lebensregeln und Wertvorstellungen einfach missachtet oder sogar ein schlechtes Licht auf die Familie wirft. Vertrauen ist gefragt. Wahres Vertrauen "zeigt sich aber erst, wenn man einem Menschen Vertrauen schenkt, der einen vielleicht enttäuschen wird." Es gilt die Jugendlichen mit warmen Interesse an allem zu begleiten, was sie mit einem teilen wollen, aber nicht jeden Schritt der Heranwachsenden zu beobachten. Sie müssen die Freiheit haben, Risiken einzugehen und Fehler zu machen. Wir sollten zurückhaltend, aber jederzeit ansprechbar sein.

Hart am Wind. Es ist die Geburt einer neuen Persönlichkeit. "Das himmlische, ewige und einmalige Geistwesen bezieht seine Wohnstätte in dem Haus, das mit Hilfe von Eltern, Lehrern und allen anderen Beteiligten gebaut worden ist. Das Kind geht in seinem 13. Lebensjahr in den Tempel und wird durch seinen individuellen göttlichen Funken belebt." Zu dem Bewusstsein objektiver Erfahrungen gesellt sich ein subjektives. Alles wird plötzlich in seiner Bedeutung für das Gefühlsleben mit anderen Augen gesehen, schärfer und tiefgründiger. Widersprüche brechen auf: Öffnung und Rückzug, neue Kraft und Scheu, die Liebe zum Schönen und die Faszination des Hässlichen. "Die gewohnte Ordnung und der Rhythmus seines bisherigen Lebens geraten in Chaos und Unordnung."

Richtiges Lesen der Karten.
  • Das dreizehnte Lebensjahr - Das Kind wendet sich nach innen, wird nachdenklich. Gleichzeitig erwacht grösstes Interesse für seine Umgebung, Wissbegierde. Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Einsamkeit wird immer grösser. Der Körper verwandelt sich, der junge Mensch fühlt sich nicht mehr wohl in seiner Haut und noch nicht wieder. Er fühlt sich unsicher: "Rührt mich nicht an, ich bin noch nicht fest in mir selbst!" Launisch erscheint der Jugendliche, ungeduldig, verschlossen. Ein neuer empfindlicher Zug ist in ihm aufgebrochen. (--> Jeanne Meijs spricht vom Beginn der Gedanken-Pubertät).

  • Das vierzehnte Lebensjahr - Die Widerstandskraft ist grösser geworden, anfänglich ist die neue weibliche oder männliche Identität angenommen, die Gemütslage hat sich entspannt. Zunehmende Denkfähigkeit, Ideenreichtum und Ausdruckfähigkeit lassen die Lust am Urteilen und an Streitgesprächen aufbrechen. "Das Kind verschwindet immer mehr." Der junge Mensch wird sich seiner Individualität bewusst. Es ist eine Zeit voll Optimismus und einer freudigen Öffnung nach aussen. Der junge Mensch überschreitet die Schwelle vom zweiten ins dritte Jahrsiebt.

  • Das fünfzehnte Lebensjahr - "Das Fühlen bahnt sich in einem Ausbruch von Überschwänglichkeit einen Weg in das Leben des Jugendlichen." Ein Gefühl des Abgetrenntseins macht sich breit und ein Widerstreben, in Worte zu fassen, was sich leise und tastend im Inneren regt. Das Fühlen möchte sich dehnen und sucht nach Ausdrucksmöglichkeiten, das Selbstvertrauen hinkt noch hinterher. Der Jugendliche zieht sich zurück, überspielt seine Gefühle mit Barschheit, ja Härte. "Lasst mich mit meinen Gedanken allein!" Mitleid erwacht und die Sehnsucht, ja das Bedürfnis, aktiver zu werden. Das Ich hat aber noch nicht die Kraft, die Glieder zu durchdringen, der ganze Leib wirkt noch unorganisiert. Und wenn dem Jugendlichen nichts wert erscheint, in Angriff genommen zu werden, breitet sich Langeweile aus. Er versucht, grosse Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, derweil es im Inneren brodelt. Das Fühlen macht verletzlich, das Denken lässt selbstkritisch werden - und nirgends ein Stern, an dem er sich orientieren wollte. "Was dem jungen Menschen im Bereich seines Gefühlslebens begegnet, kann entweder wunderbar oder furchtbar sein. Er lernt sowohl die dunklen wie auch die lichten Seiten des Lebens kennen." Das Bedürfnis, auszubrechen, kann übermächtig werden, wenn das Verlangen nach Sinn nicht gestillt wird. Dann kann der Jugendliche auch gewalttätig werden, wenn sich die Selbstkritik und das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit gegen die Umwelt wendet. Wenn er irgendwann einmal in seinem Selbstwertgefühl verletzt worden ist, nutzt er jetzt seine wachsende Unabhängigkeit dazu, der Welt zu beweisen, dass er keine Zuneigung braucht. "Sein Problem besteht darin, dass er Freundlichkeit, die ihm von anderen entgegengebracht wird, nicht vertrauen kann." Jeder Zuneigungsbeweis wird einer strengen Prüfung unterzogen, um sicherzustellen, dass er ernst gemeint ist. (Das entspricht der Gefühlspubertät bei Jeanne Meijs.)

  • Das sechzehnte Lebensjahr - Die Reizbarkeit, Empfindlichkeit und Unsicherheit des Fünfzehnjährigen sind einer grösseren inneren Ordnung und Festigkeit und einem offensichtlichen Selbstvertrauen gewichen. Der Jugendliche baut seine Schutzwälle Stück für Stück ab, wendet sich wieder anderen Menschen zu. Er entwickelt zunehmend Toleranz - letztlich sogar sich selbst gegenüber. Seine Urteilsfähigkeit wird ausgewogener, allmählich wird er sich der Spannweite möglicher Entscheidungen bewusst. Er sucht nach eigenen Wertmassstäben, stellt sich Versuchungen wie Rauchen, Alkohol, Sex und Drogen. Ideale keimen auf, der junge Mensch beginnt daran zu denken, eines Tages in der Welt etwas bewirken und seinen Beitrag in der Gesellschaft leisten zu wollen. Er setzt sich Ziele. Mit sechzehn ist der Höhepunkt intellektueller Aufnahmefähigkeit erreicht: ein Triumph des Denkens. Das Gefühlsleben ist besser unter Kontrolle, ein Gefühl von Freiheit stellt sich ein.

  • Das siebzehnte Lebensjahr - Die Pubertät ist vorüber, alle Energie ist nach vorn gerichtet. Findet sich jetzt keine Aufgabe, können bedrückende Niedergeschlagenheit und Zynismus sich breit machen. Der junge Mensch fühlt, dass etwas Neues in ihm wächst. Er erfährt die Liebe, "Eros verklärt das Bild eines anderen und führt gleichzeitig zur Entdeckung des eigenen inneren Idealbildes." Die Seele erfährt die Weite der Welt ringsum, der Eintritt ins Berufsleben erfordert eine Beschränkung. Das lenkt den Blick auf die eigenen Fähigkeiten, aber auch Grenzen. Die Zeit, selbstständig zu werden, rückt näher. (Für Jeanne Meijs beginnt hier die Willenspubertät.)

  • Das achtzehnte Lebensjahr - Der Jugendliche will sich mit den Elementen messen und sucht Abenteuer, die seine physischen wie geistigen Fähigkeiten herausfordern. Er möchte sich angesichts widriger Umstände erproben, sich seiner Grenzen bewusst werden. Er versucht sich, einen Begriff von der Grösse des Lebens und der Liebe zu machen. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit können ihn an den Rand des Selbstmordes treiben, wenn er nicht spürt, dass er gebraucht wird, dass jemandem etwas an ihm liegt. Er sucht nun nach Möglichkeiten, seine Ideale auch zu leben.

  • Das neunzehnte Lebensjahr - Der junge Erwachsene sucht den Beweis der Freiheit, selbst tätig zu werden und sich sein Leben zu gestalten. Er braucht jetzt neue Eindrücke und Erfahrungen, muss reisen, äusserlich und/oder innerlich. Er muss die Alltagswirklichkeit kennen und bewältigen lernen. Er kann jetzt leidenschaftliche Gefühle entwickeln für das, was ihm gerade wichtig ist, mit der Glut eines inneren Feuers. "Ist er innerlich frei genug, um aus seiner eigenen Mitte heraus zu wirken und seinen Teil dazu beizutragen, das Leiden der Menschheit zu lindern?"

    Meilensteine auf dem Weg. Jeder Mensch kommt mit einer Aufgabe auf die Welt. "Wenn die Eltern und andere massgebliche Menschen darauf vertrauen, dass jeder Heranwachsende seine Schicksalsaufgabe hat, auch wenn diese noch nicht zu erkennen ist, dann wird es für den jungen Menschen eine Hilfe sein, diese zu finden." Wenn nach 18 Jahren, 7 Monaten und 9 Tagen der Schnittpunkt der Sonnen- und Mondenbahn im Tierkreis wieder am gleichen Himmelsort steht wie bei der Geburt - der so genannte "Mondknoten" - endet die Jugendzeit. Es ist Zeit, erste erreichbare Ziele klar ins Auge zu fassen und auf diese zuzuarbeiten.

    An der Mündung. Wenn ein Mensch zwanzig wird, kann er drei "königliche" Gaben entfalten: Ernsthaftigkeit im Denken wird Urteilskraft, Ehrfurcht im Fühlen erweitert das Weltinteresse, Mut und Entschlusskraft reifen zur Moralität.

    Neue Horizonte. Das Energiepotenzial, das den Menschen veranlasst, zu handeln und zu reagieren, die instinktiven, lernbegierigen und fordernden Seelenkräfte, die Wünsche, Gefühle und Triebe enthalten - der in der Anthroposophie so genannte "Astralleib" - wird mit dem Eintritt in die Pubertät frei. Das Ich, der Wesenskern, die Individualität des Menschen, erlangt diese Freiheit erst mit Anfang zwanzig. "So steht das Ich während der Zeit der Adoleszenz einen Schritt hinter dem Astralleib zurück, und doch kommt ihm die schwierige Aufgabe zu, dessen Kraft zu bändigen und zu bezwingen, wenn er auf dem Höhepunkt seiner Entfaltung ist."

    Drei Sterne als Orientierungshilfe: Urteilsfähigkeit, Weltinteresse und Moralität.
    Teenager können ihre Umgebung in übersteigertem Masse kritisieren, ja ablehnen, auf eine spottende, ja destruktive Art. Wenn man sie dafür kritisiert, verschliessen und verteidigen sie sich. Nur das Gefühl, ernst genommen zu werden, kann sie allmählich dazu bringen, nachzudenken, bevor sie sprechen.

    Heftige Böen. In Krisenzeiten ist es wichtig, dass die Jugendlichen erfahren, dass ihre Eltern an einem Strang ziehen. Diese werden zunächst alle unbewältigten Konflikte klären und Leerräume ausfüllen müssen, die sich zwischen ihnen gebildet haben. Für die Eltern ist es genauso wichtig, mit ihren gefühlsmässigen Reaktionen einem Problem gegenüber zurechtzukommen, wie für den Teenager selbst. Wir sollten versuchen herauszufinden, worin der Anreiz für das Handeln der Jugendlichen liegt und dafür unser Herz öffnen. Im Fall von Drogen kann das die Sehnsucht sein, den Lauf der Welt zu stoppen und sie einfach zu verlassen oder der Versuch, Freude, Ekstase, zumindest Erleichterung von ihrem Druck zu finden. Hinter jedem (scheinbar) selbstsicheren "Raucher" verbirgt sich eine zarte, ängstliche junge Seele, die in Schwierigkeiten steckt.

    Hinter Krisen steckt oft das veränderte Selbstgefühl Jugendlicher. "Durch den Verlust des äusseren Haltes und der gleichzeitig wachsenden Freiheit kann er sich ausgesetzt, unsicher und unfertig fühlen. Er hat womöglich die Empfindung, so allein zu sein, wie noch nie zuvor." In ihm nagt ein Gefühl der Unzulänglichkeit, das von seinen Selbstzweifeln herrührt. Und dennoch hasst er den Gedanken, sich einer Autorität unterwerfen zu müssen. "Ich bin kurz davor zu ersticken und muss mir irgendwie Luft machen!"

    Ein guter Ratgeber rät in Krisen nicht direkt, er ermutigt und unterstützt den Menschen, das Problem selbst zu lösen. Ein guter Zuhörer hält dem jungen Menschen lediglich einen Spiegel vor, so dass dieser sich mit sich selbst konfrontiert sieht. Er kann nicht wachsen, wenn er lediglich auf die Emotionen seiner Eltern stösst. Wer Jugendliche unterstützen will, muss vor allem eine Haltung entwickeln, die deren Selbstwertgefühl stärkt. Die Jugendlichen müssen spüren, dass es die Achtung vor ihrem Leben ist, die uns besorgt macht. In jedem Fall muss der Jugendliche eine Lösung selbst für gut und durchführbar halten.

    Anlegen. "Ein Mensch, der in seiner inneren Entwicklung bereits fortgeschritten ist, sollte dem Jugendlichen nicht gegenübertreten, um ihm zu helfen, denn das wäre herablassend." Jugendliche wollen nicht belehrt, sie wollen bestätigt werden.

    Jörg Undeutsch, www.PubertätVerstehen.ch
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